Sonntag, 8. Juni 2014

Aktuelles aus dem Jahr 1926



Zu den ergiebigsten Quellen der Recherche für meine Krimiserie aus der Weimarer Republik gehören zweifellos die Tageszeitungen der jeweiligen Jahre. Dort finde ich eine Fülle von Informationen, von tagesaktuellen Preisen für Brot und Hemden bis hin zum Wetter, dazu jede Menge interessante Anekdoten. Und – vielleicht am Wichtigsten – ich bekomme eine Vorstellung davon, worüber sich die Menschen an einem bestimmten Tag Gedanken gemacht und unterhalten haben, weil ich aus den Tageszeitungen gerade die Dinge erfahre, die nicht in Geschichtsbüchern stehen, aber den Alltag der Menschen ausmachen: wie die neuen Verkehrszeichen aussehen und wie man Autofahren lernt, Tipps zum Radioempfang oder zur Benutzung eines öffentlichen Fernsprechers, dass der erste Radfahrweg auf Initiative des „Vereins für Radfahrwege“ angelegt und das erste schalterlose Postamt eingeführt wurde.

In Berlin gibt es das Zentrum für Berlinstudien, wo ich mir nicht nur viele Zeitungen der Weimarer Republik auf Mikrofilm ansehen, sondern seit etwa zwei Jahren sogar auf USB-Stick speichern und mit nach Hause nehmen kann. So sieht das Monstrum von Maschine für die Mikrofilme aus, links davon der Bildschirm des Computers, mit dem man einzelne Seiten auf USB-Stick kopieren kann. 



Die schlechte Nachricht: Das Ganze ist nicht eben augenfreundlich. Der Text wurde damals in der ohnehin schwer zu lesenden gotischen Frakturschrift gesetzt, die zudem aufgrund des Alters der Zeitungen gelitten hat und abgerieben ist oder fehlende Teile aufweist, dazu beim Abfotografieren nicht immer optimal belichtet wurde und dann auch noch am Bildschirm negativ, also weiß auf schwarz erscheint. Mehr als zwei Stunden darin zu lesen, ist eine echte Qual.

Für meinen aktuellen Roman, der im Mai / Juni 1926 spielen soll, habe ich mir die Zeitungen ab Januar 1926 angesehen, zunächst die Berliner Morgenpost, die im Vergleich zu den anderen bürgerlich-liberalen Zeitungen noch am besten zu lesen ist, später werde ich mir dann auch noch die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt ansehen und, je nach Thema, eventuell auch radikalere Zeitungen mit parteipolitischer Ausrichtung.

Neben wertvollen Informationen stoße ich dabei immer auch auf Kuriosa: Auf Nachrichten aus dem Stadtamt für Leibesübungen, zum Beispiel, oder einen erbaulichen Artikel über einen Besuch in einer Dienerschule unter dem Titel Servietten-Falten auf 37 Arten.

Besonders amüsant sind die Anzeigen: Da wird für Leitungsschoner geworben (weiß, 1,25 Mark), für Dr. Thompsons Seifenpulver und für Biomalz, das eine frische Gesichtsfarbe bewirken soll. Es gibt ein Tafelgetränk namens Boa-Lie, erfahre ich, und eine Zigarettenmarke namens Schatz. Zum Spracherwerb wird eine psychotechnische Methode angeboten und zum Abnehmen ein Komplexroller, der anscheinend das Fett wegmassieren soll. Man kann Garderoben auf Kredit zum Pfingstfest kaufen, und auf die Frage: Was trägt die Dame? ist die Antwort klar: Ullsteins Schnittmusterkleid K 3008.

Reime als Werbemittel waren damals schwer in Mode: Für wenig Geld aus diesem Haus / kommt jeder elegant heraus, erklärt uns ein Modegeschäft. Und Lux Seifenflocken zum Gardinenwaschen werden so angepriesen: Dein Fenster, das die Sonne fängt, / sei wie mit Blütenschnee behängt.

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Gunnar