Sonntag, 15. Juni 2014

Die Verlagsbranche in Aufruhr



Vor kurzem habe ich mir im Fernsehen eine Dokumentation über Amazons Verlagspläne angesehen, und konnte wieder einmal nur den Kopf schütteln über das simple Weltbild der betreffenden Journalistin und die verlogene Empörung aus der Verlagsbranche. Natürlich halte auch ich es für eine Gefahr, wenn ein Konzern zum Monopolisten wird, und die Buchpreisbindung würde ich mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und, ja, Amazon guckt auf die Verkaufszahlen und nimmt dann lediglich Autoren unter Vertrag, die bereits selbst dafür gesorgt haben, dass sie erfolgreich sind, die also Amazon die verlegerische Arbeit abnehmen. Aber zu suggerieren, dass die etablierten Verlage die Gralshüter der Literatur seien und ihre Entscheidungen niiie aufgrund kommerzieller Erwägungen treffen, sondern aus lauter Edelmut waghalsige Risiken eingehen würden, um die Kultur zu fördern, ist lächerlich.

Kleinstverlage riskieren bisweilen etwas und nehmen auch wenig lukrative Bücher ins Programm, an die sie glauben, Kleinstverleger machen manchmal ihre Leidenschaft für ein Thema zum Programmschwerpunkt. Die mittelständischen und erst recht die Konzernverlage arbeiten ausschließlich erfolgsorientiert. Würden sie wie Amazon vorab über Verkaufszahlen verfügen, dann würden auch sie es nicht anders machen als der Branchenriese. Dass Autoren von Verlagen über einen langen Zeitraum aufgebaut werden und dass diese Verlage den Autoren auch über Durststrecken und schlecht verkäufliche Bücher hinweg die Treue halten, mag vor vierzig Jahren so gewesen sein, gelegentlich höre ich solche Geschichten aus mythischer Zeit. Heutzutage jedoch wird ein Buch, das sich nicht umgehend in hoher Auflage verkauft, in der Regel nach spätestens zwei Jahren vom Markt genommen und verramscht.

Nicht zuletzt habe ich selbst erlebt, dass eines meiner Bücher, das bei einem Konzernverlag erschien, praktisch nicht beworben wurde. Dabei habe ich durchaus Verständnis dafür, dass Verlage ihre Kräfte bündeln und für kommerziell vielversprechende Titel mehr tun als für andere. Aber wenn eine Buchhändlerin beim Verlag anfragt, ob sie für eine Lesung mit mir ein Plakat bekommen könnte, und zur Antwort erhält, es gäbe keine Plakate dafür, weil mein Buch „kein Premiumtitel“ sei, ist das ein Armutszeugnis und ein Zeichen für schlechtes wirtschaften. Von Kolleginnen und Kollegen höre ich ähnliche Erfahrungen.

Deshalb sind es auch gewiss nicht die Verlage, derentwegen ich den immer größer werdenden Einfluss von Amazon bedauere, sondern die Buchhändlerinnen und Buchhändler, von denen einige dicht machen müssen, weil ihnen der Onlineverkauf von Büchern die Kundschaft vertreibt. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler vor Ort sind es, die gemeinsam mit den Bibliotheken Basisarbeit betreiben und dafür sorgen, dass den Menschen das Medium Buch nahegebracht wird. Die Kindheitserinnerungen, die ich daran habe, mit welchem Staunen ich in Buchhandlungen stand und wie sich mir dort neue Welten eröffneten, welch ein Vergnügen es war, einfach nur zu stöbern und mal hier und mal dort reinzulesen, möchte ich um keinen Preis missen. Dass ganze Städte verarmen, weil sie wie mancherorts in den USA ohne eine einzige Buchhandlung auskommen müssen, ist eine Horrorvorstellung, von der ich nur hoffen kann, dass sie in Deutschland niemals Wirklichkeit werden wird.

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Gunnar