Sonntag, 23. November 2014

Verwundbar sind wir und ungestüm


Lange angekündigt, endlich erschienen: Mein Buch über männliche Lebenswirklichkeit. Es trägt den Titel „Verwundbar sind wir und ungestüm. Erzählungen aus der unsichtbaren Welt derMänner“ und ist das Ergebnis von über dreißig Jahren Beschäftigung mit dem Thema.

 
Ich erzähle darin Geschichten über den unsichtbaren Teil männlicher Lebenswirklichkeit, dem Teil, der in Zeitschriften und Talkshows keinen Platz hat, weil er gängigen Mythen widerspricht. Mein Anliegen ist es, den verleugneten Tatsachen einer einseitig geführten Geschlechterdebatte, den Zahlen und Statistiken, ein Gesicht zu geben. Ich verstehe das Buch als Ergänzung zu den einschlägigen Sachbüchern, die es ja vereinzelt durchaus gibt, deren Inhalte aber leider dasselbe Schicksal erleiden wie die täglichen Nachrichten: Es ist leicht, sie zu verdrängen.

An diesem Punkt setze ich an. Wenn wir hören, dass irgendwo Hunderttausende bei einer Katastrophe ums Leben gekommen sind, ist das nur eine Zahl. Wenn wir jedoch das Schicksal eines Einzelnen miterleben, seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen nachvollziehen und uns mit ihm identifizieren, berührt uns das auf eine viel elementarere Weise.

Lesen wir beispielsweise von Häuslicher Gewalt gegen Männer, dann setzen bei vielen Menschen sofort Denkschablonen ein und sie fantasieren sich einen Schwächling zusammen, der nichts mit ihnen zu tun hat und auf den sie folglich ungestraft herabblicken dürfen. Wenn man jedoch emotional nachvollziehbar macht, warum ein Mann in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Weise reagiert, was er dabei fühlt, wie er sich bemüht, einen Konflikt zu lösen, kurz: dass es sich dabei um einen ganz normalen Mann handelt, der stellvertretend durchlebt, was jedem anderen Mann jederzeit genau so zustoßen könnte, dann kann man diese Vorkommnisse nicht mehr so leicht von sich wegschieben. Hoffe ich.

(Die Geschichte über Häusliche Gewalt habe ich übrigens parallel dazu separat veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Schlagartig“ und ist als Buch bei Amazon und als E-Book in zahlreichen E-Book-Shops erhältlich). 

Vor vielen Jahren, als ich nach Berlin kam, wollte ich bereits über die herrschende Männerfeindlichkeit schreiben, weil mich schon damals die Verlogenheit und Doppelmoral in der Geschlechterdebatte gestört hat. Zu der Zeit arbeitete ich noch am Theater und dachte eher an ein Theaterstück. Zur vorbereitenden Recherche gab ich eine Kleinanzeige auf, in der ich Gesprächspartner suchte, um sie über ihr Leben zu interviewen, woraufhin sich die unterschiedlichsten Männer bei mir meldeten und mir bereitwillig und offen von sich erzählten. Letzten Endes bin ich jedoch nie über konzeptionelle Gedanken hinweggekommen. Und ich bin froh darüber, weil ich damals nicht genug wusste und das Stück vermutlich an der Oberfläche geblieben wäre. Die Arbeit war dennoch nicht vergebens, denn abgesehen von dem, was ich in den Gesprächen erfahren habe, konnte ich auch die eine oder andere Idee von damals für das Buch verwenden.

Als ich das Ganze vor vier Jahren erneut anging, wollte ich zunächst einen Roman daraus machen. Doch die Schwierigkeit dabei war: Wie sollte ich die vielen unterschiedlichen Themen in einer einzigen Geschichte unterbringen? Musste das nicht unglaubwürdig wirken, selbst wenn man Nebenfiguren erfindet, die jeweils eines der Probleme stellvertretend durchleben? Und brauchte nicht jedes dieser Themen eine spezifische Art der Umsetzung, eine eigene Sprache, eine eigene Erzählperspektive?

Also beschloss ich, stattdessen eine Sammlung von Kurzgeschichten zu schreiben. Ich habe Kurzgeschichten immer geliebt und bedauere, dass diese Kunstform nur noch ein Schattendasein fristet. Kurzgeschichten eröffnen radikale Möglichkeiten und individuelle Lösungen, die in einem Roman nur schwer umzusetzen sind.

Das Rückgrat des Buches, Erzählungen über Männer und Jungen, die Opfer geworden sind – Opfer von Häuslicher Gewalt, Opfer von Falschbeschuldigung, Opfer von Kindesmissbrauch etc. –, stand schnell fest und war für mich immer die verlässliche Basis.

Ich merkte jedoch schnell, dass das nicht ausreicht. Wie leicht konnte das Ganze zu einem Lamento geraten. Das Buch brauchte ein Gegengewicht, es brauchte Biss. Daher gibt es eine zweite Ebene, das sind vor allem Geschichten, die die Glaubenssätze und Verhaltensweisen von Feministinnen parodieren und das Antidemokratische und Totalitäre ihrer Ideologie bloßlegen.

Doch auch das genügte mir nicht. Würde ich es dabei belassen, so blieben die Leser am Ende deprimiert oder wütend zurück; ich wollte sie jedoch mit diesen Gefühlen nicht allein lassen. Seit vierzig Jahren wird alles, was männlich ist, verunglimpft und in den Schmutz gezogen, es ist höchste Zeit, dass wir uns daran erinnern, wie sehr männliche Eigenschaften die Welt bereichern. Also gibt es eine dritte Ebene, in der von der Begeisterungsfähigkeit der Männer die Rede ist, von ihrer Fähigkeit, die Schwerkraft aufzuheben und Träume wahr werden zu lassen, von der Magie, die immer noch in ihren Herzen wohnt.

Ich bin sehr froh über das Buch. Als ich es zum Abschluss noch einmal korrekturgelesen habe, fand ich, dass es kraftvoll geworden ist, kraftvoll in seinem Schmerz ebenso wie in seiner Wut und seiner Lebensfreude. Und dass es Worte darin gibt, die Heilkraft besitzen, weil sie Männer wieder ganz sein lassen. Ich wünsche mir, dass es den Lesern ähnlich geht.

Kommentare:

  1. Hallo Gunnar,

    ich habe in den letzten Tagen die Geschichten aus dem Band gelesen, die für Kindle erhältlich sind. Leider sind das nicht alle.

    Zunächst einmal: Whow. Verstörend. Aufrüttelnd.

    Sie schreiben ja, es sind keine Fiktionen, sondern alles fußt auf wahren Begebenheiten. Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Und jetzt zur Mitschuld der Männer.

    Bei "Barfuß über Scherben" ist mir aufgefallen, dass es sich immer wieder um den gleichen Stereotyp von Beziehungen handelt. Die allermeisten Männer heiraten dumme, herzlose Puppen, wenn sie nur dünn und hübsch genug sind, achten auch darauf, dass sie von Status und Ausbildung her unter ihnen stehen. Diese Damen sind dann zwar dumm, aber auch berechnend und verschlagen. Und dies erkennen viele Männer erst, wenn es zu spät ist. Tragisch. Aber auch änderbar.

    Eine Beziehung oder Ehe funktioniert auf Dauer nur gut, wenn beide Partner auf einer Stufe stehen. Stichwort: Kinderbetreuung, anspruchsvoller Job auch für Mama. Ähnliche Ausbildungsstufe. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, wer von beiden etwas mehr oder weniger verdient.

    Andere Modelle sind nur erfolgreich, wenn richtig viel Geld im Hintergrund ist. Dann muss der "reichere" Partner aber auch aufpassen, dass sich der "ärmere" nicht den ganzen Tag mit ebenfalls unterbeschäftigten Freunden beschäftigt. Also ebenfalls seinen/ihren Horizont durch bezahlte Beschäftigung erweitert.

    Augenhöhe lautet immer das Zauberwort.

    Dies von einer glücklich verheirateten Frau (Steuerklasse IV, erwachsenes Kind) ins Stammbuch geschrieben.

    Beste Grüße, Barbara

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  2. Hallo Barbara,

    und vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Ob die meisten Männer wirklich Frauen wollen, die "unter ihnen stehen", weiß ich nicht, aber ich stimme Ihnen zu, dass es oft eine "Mitschuld" der betreffenden Männer gibt, wenn sie bereitwillig den Lastesel in einer Beziehung machen und möglicherweise auch noch ein Gefühl der Stärke daraus beziehen, dass sie die alten Rollenklischees leben.

    Auf jeden Fall teile ich Ihre Einschätzung, dass eine Beziehung nur auf Augenhöhe funktionieren kann.


    Ein paar Worte noch zum besseren Verständnis meiner Veröffentlichungspolitik: "Unberührbar", "Barfuß über Scherben", "Komm her, sagt Mama" und "Schlagartig" habe ich zusätzlich als Einzelgeschichte sowohl in Papierform als auch elektronisch veröffentlicht, weil ich glaube, dass diese Themen wichtig sind und die Geschichten dabei helfen können, Klischees und Vorurteile auszuräumen, und weil Betroffene möglicherweise den Wunsch haben, die ihre spezifischen Probleme betreffenden Geschichten weiterzuverbreiten.

    Es wird allerdings bei diesen vier Zusatzveröffentlichungen bleiben, alle anderen Geschichten sind nur in "Verwundbar sind wir und ungestüm" und ausschließlich in gedruckter Form erhältlich. Ich habe mich für diese Vorgehensweise entschieden, weil leider immer mehr elektronische Bücher geklaut, geknackt und kostenlos im Netz veröffentlicht werden, und ich lebe nun mal von meiner Arbeit als Autor. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

    Herzliche Grüße

    Gunnar

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar