Sonntag, 27. Dezember 2015

Dornröschen gendert nicht


Liebe und innere Entwicklung sind das Ziel der meisten Heldenreisen. Liebe kann die Welt verwandeln; um die Liebe zu erringen, ist kein Weg zu mühsam, keine Aufgabe zu gefährlich. Denn die Liebe bedeutet eine Erlösung aus Fluch und Verzauberung. Liebe ist nötig, um unsere Gestalt zu vollenden.

Das ist eine Grundbotschaft des Märchens, und es ist darin alles andere als realitätsfern. Es behauptet keineswegs, die Liebe würde uns in den Schoß fallen, es leugnet nicht, dass sie von Konflikten begleitet wird und dass es großer Anstrengungen bedarf, um sie zu erringen. Das Fremde und Unbekannte im geliebten Menschen und die Angst vor dem anderen Geschlecht sind ihm stets wiederkehrendes Thema. Der Vorwurf feministisch orientierter Kritiker, Märchen seien frauenfeindlich und würden Geschlechterrollen zementieren, basiert allerdings auf einer einseitigen und von Vorurteilen getrübten Sichtweise und entbehrt jeder Grundlage.

Es ist natürlich möglich, Märchen als eine Erzählform zu verstehen, die eine äußerliche Form der Realität widerspiegelt. Wenn dem so ist, dann ist es wahr, dass die Frau in vielen Märchen als Duldende oder daheim auf den Märchenprinzen Wartende (Dornröschen) gezeigt wird. Dann ist es wahr, dass oft genug Stiefmütter oder keifende, maßlose Ehefrauen (Der Fischer und seine Frau) den negativ besetzten Part übernehmen.

Ebenso wahr allerdings ist es, dass Aschenputtel ihr Leben in die eigenen Hände nimmt. Dass es Gretel ist, die die Hexe tötet und Hänsel befreit. Dass die sieben Raben von ihrer Schwester, die mutig die vielfältigsten Gefahren auf sich nimmt, gerettet werden. Dass Schneeweißchen und Rosenrot tatkräftig zupacken, und dass es die Schöne ist, die das Tier erlöst.

Und was ist andererseits zu dem negativen Bild zu sagen, das uns die Märchen von Männern erzählen? Wie steht es mit der Aufforderung, den Froschkönig an die Wand zu werfen? Mit all den Vätern, die davon besessen sind, ihre eigenen Töchter zu heiraten? Mit der Warnung vor dem Mann in Rotkäppchen oder der blutrünstigen Zeichnung eines Blaubart?

Wenn es wahr ist, dass Märchen frauenfeindlich sind, dann muss konsequenterweise zugegeben werden, dass sie mindestens ebenso männerfeindlich sind.

Wenn es hingegen nicht um die äußerliche Abbildung von Realitäten, sondern um innere Wirklichkeiten geht, wenn also, mit anderen Worten, nicht der Kuss des Prinzen das passive Dornröschen erlöst, sondern Dornröschen eine Phase der Metamorphose, der Verwandlung in eine Frau durchmacht und anschließend die Dornenhecke – ihre Dornenhecke, die sie bislang geschützt hat! – von selbst zurückweicht, weil die Zeit für einen Prinzen reif ist, dann gehen solcher Art Vorwürfe an der Sache vorbei. „Nicht Wirklichkeitsschau, sondern Wesensschau ist das Eigentliche, was die Volksmärchen uns schenken“, sagt der Märchenforscher Max Lüthi.

Sicherlich gibt es einzelne Märchen, die mit Vorsicht zu genießen sind, weil man sie so oder so interpretieren kann; spontan fällt mir hier der Typus Der Widerspenstigen Zähmung ein, aber auch dem Blaubart-Motiv bringe ich keine große Sympathie entgegen. Als Gattung jedoch muss man das Märchen vom Vorwurf des Sexismus freisprechen.


(Der Text ist eine bearbeitete Fassung eines Artikels, der ursprünglich im Märchenspiegel 2/2002 veröffentlicht wurde)


Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr!


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Gunnar