Sonntag, 21. Juni 2015

Rajaz - Die Musik von "Camel"


Oktober 1977. Ich war sechzehn und dabei, mich musikalisch von Zuhause abzunabeln. Natürlich hörte ich die Charts, die damals nicht in demselben Maß wie heute mit fließbandgefertigtem Industriemüll verstopft wurden, immerhin spielten sie Sachen wie Blinded by the light von Manfred Mann (die kurze Radioversion, aber besser als nichts) und später The logical song von Supertramp oder Another brick in the wall von Pink Floyd.

Jedenfalls saugte ich wie ein Schwamm alles auf, was es an neuen Strömungen gab, und trieb mich häufig im örtlichen Plattenladen herum. Dort entdeckte ich dann dieses wunderschöne Cover und dachte, eine Band, die solche Cover auf ihre Platten bringt, sollte ich mir wohl besser mal anhören.


Das erste Stück des Albums, Aristillus, war kurz, eher eine Art Intro, ließ mich aber bereits aufhorchen. Als dann Song within a song lief, wusste ich, dass ich nicht weiter hören musste. Das war fantastisch. Das war ungewohnt. Das war anders als alles, was ich kannte. Eine neue Welt tat sich mir auf.

Mit Moonmadness von der Gruppe Camel unterm Arm verließ ich den Laden, begierig, mir das ganze Album zu Hause anzuhören. Hinterher war ich nicht mehr derselbe. Dass es so etwas gab! Dieser Sound, diese Atmosphäre, diese Melodieführung! Schon die Instrumentierung war ungewöhnlich – eine Flöte in der Rockmusik! Offenbar gab es mehr auf der Welt als das, worauf mich Elternhaus, Schule und Kleinstadt vorbereitet hatten. Das hier war wie eine bewusstseinserweiternde Droge. Und der Beginn einer musikalischen Liebe, die ein Leben lang anhalten sollte.

Camel stammt aus Surrey, England. Gründungsmitglieder (1971) waren Andrew Latimer (guitar, flute) und Peter Bardens (keyboards), die die meisten Lieder schrieben, außerdem Andy Ward (drums) und Doug Ferguson (bass). Allerdings hat es im Laufe der Jahre zahlreiche personelle Wechsel gegeben, bei denen Andrew Latimer der einzig fixe Punkt blieb. Die Band integrierte zeitweilig Musiker von Caravan (in einem Ausmaß, dass Latimer mal augenzwinkernd darüber nachdachte, die Gruppe in „Caramel“ umzutaufen), Alan Parsons Project, Genesis, Fairport Convention oder Kayak, um nur einige zu nennen. In den Anfangsjahren gab es eine gemeinsame Tour mit Barclay James Harvest.

Camel spielen Progressive Rock, gelegentlich mit jazzigen oder folkigen Einflüssen. Viele Titel sind rein instrumental, bei den anderen sind die Texte knapp gehalten – Gesang ist nicht die Stärke der Gruppe.

1973 erschien ihre erste LP, schlicht Camel betitelt, in der sie noch auf der Suche nach einem eigenen Stil waren. Schon das zweite Album, Mirage (1974), klingt deutlich ausgereift. Den Sprung von einer unbekannten Band zum Geheimtipp schafften sie mit dem 1975 erschienenen The Snow Goose, ein rein instrumentales Konzeptalbum nach einer ergreifenden Kurzgeschichte von Paul Gallico.

Dieses Album brachte jedoch zunächst einmal Probleme mit sich, weil Gallico von der Veröffentlichung überrascht wurde und als jemand, der Rauchen verabscheute und die Band aufgrund ihres Namens verdächtigte, mit der gleichnamigen Zigarettenmarke im Bunde zu sein (tatsächlich gab es mal eine kurzfristige Kooperation), kurzerhand verbot, den Titel zu benutzen. Seither trägt die Platte den Zusatz „Music inspired by ...“.

Gallico, der nicht glücklich darüber war, hat daraufhin eine alternative musikalische Bearbeitung seiner Geschichte mit kurzen Erzählpassagen initiiert, Paul Gallico’s The Snow Goose, ebenfalls eine wunderschöne Platte, die anzuhören sich lohnt. So verdanken wir den Streitigkeiten gleich zwei herausragende musikalische Versionen. Übrigens lohnt es sich auch, die Geschichte zu lesen.

Als nächstes erschienen dann meine beiden Favoriten unter den Platten der Gruppe: Moonmadness (1976) und Rain Dances (1977).

 

Zu der Zeit begannen die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Köpfen der Band, Latimer und Bardens, größer und größer zu werden. Wie Latimer später sagte: Beim kreativen Prozess kamen sie gut miteinander aus, aber sobald es an die Umsetzung im Studio ging, unterschieden sich ihre Vorstellungen stark voneinander, und sie blockierten sich gegenseitig. Deshalb war es wohl unausweichlich, dass Bardens schließlich die Gruppe verließ.

Meiner Meinung nach hört man dem letzten gemeinsamen Projekt, Breathless (1978), die Rivalitäten an. Zwar gibt es auch dort so schöne Stücke wie Breathless oder Rainbow’s end, dazu einen überaus witzigen Titel, der ausnahmsweise von Richard Sinclair geschrieben wurde, nämlich Down on the farm, aber eben auch so etwas Überflüssiges wie Summer lightning, das arge Konzessionen an das damals entstehende Discofieber machte.

Der Weggang von Bardens bot die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Künftig sollte die Band zwei Keyboardspieler in ihrer Besetzung aufweisen. In der Tat führt I Can See Your House From Here (1979) in eine neue interessante Richtung, konsequent weitergeführt in dem Konzeptalbum Nude (1981).

Die begleitende Tour zu Nude erwies sich als Katastrophe. Was damals noch niemand wusste: Der Drummer Andy Ward litt unter Bipolarer Störung und war manisch-depressiv, was zu schweren Problemen innerhalb der Gruppe führte. Wie viele, die unter dieser Krankheit leiden, sprach auch er verstärkt dem Alkohol und anderen Drogen zu, die die Krankheit lange Zeit vertuschten. Mitte 1981 unternahm er einen Selbstmordversuch, den er glücklicherweise überlebte.

Unter dem Druck der Plattenfirma, ein neues Album zu veröffentlichen, blieb Andrew Latimer nichts anderes übrig, als seinen langjährigen Drummer zu ersetzen. Dessen Abwesenheit auf der konsequenterweise The Single Factor (1982) betitelten LP wurde den Fans dadurch erklärt, Ward müsse „eine schwere Verletzung der Hand“ auskurieren. Er sollte jedoch nie wieder als reguläres Mitglied zu Camel zurückkehren.

Stationary Traveler, 1984 erschienen, blieb auf lange Zeit das letzte reguläre Album. Das lag zum einen an juristischen Streitigkeiten mit Plattenfirmen und Management und daran, dass anschließende Verhandlungen mit anderen, auch kleineren Plattenfirmen zu keinem Ergebnis führten, aber auch daran, dass Latimer 1988 in die USA zog und anschließend ein Jahr Auszeit nehmen wollte. Mit dem Geld aus dem Verkauf seines Hauses in England finanzierte er in den USA ein Tonstudio, in dem er das folgende Album, Dust and Dreams (1991), aufnahm und schließlich, desillusioniert von der Musikindustrie, auch seine eigene Produktionsfirma gründete, Camel Productions, unter der er seine Platten seither vertreibt.

Neben Dust and Dreams entstanden die Alben Harbour of Tears (1996), Rajaz (1999) und A Nod and a Wink (2002). Einen Vergleich mit den Alben von Mirage bis Stationary Traveller halten sie sicher nicht Stand, aber immer noch finden sich darauf schöne Stücke, die dafür sorgen, dass ich jedes neue Album mit Spannung erwarte. Rajaz hat auch endlich wieder ein schönes Bookletkonzept wie früher und der Titel übrigens eine interessante Hintergrundgeschichte: Es ist ein Ausdruck für spontane Kompositionen aus alten Zeiten, inspiriert durch den Rhythmus der Fortbewegung von Kamelen, gesungen, um den erschöpften Reisenden zu helfen, ihr Ziel zu erreichen.

2013 veröffentlichte Camel eine Neueinspielung von The Snow Goose, die zwar ein schöneres Cover als die frühere CD, dafür aber leider nichts mehr von der Spannung und Elektrizität der alten Aufnahme hat.

2006 zog Latimer nach Großbritannien zurück. Im folgenden Jahr wurde bekannt, dass er seit 1992 unter einer seltenen Krankheit litt, die die Blutbildung im Knochenmark betrifft (Polycythaemia vera). Diese entwickelte sich mittlerweile zu einer Knochenmarkfibrose. Nach langwieriger Chemotherapie und Stammzellentransplantation 2007 scheint es ihm inzwischen wieder besser zu gehen. 2014 erhielt er bei den Progressive Music Awards einen Preis für sein Lebenswerk.

Peter Bardens, sein einstiger Weggefährte, hat als Solokünstler zahlreiche Platten veröffentlicht, darunter ein paar sehr schöne Stücke, allerdings auch viel seichtes New-Age-Zeug. 2002 starb er an Lungenkrebs.

Andy Ward spielt als Sessionmusiker in zahlreichen Bands.


Anspieltipps:

Anspieltipps Peter Bardens solo:

Kommentare:

  1. Auf die Band konnte ich nicht kommen. Nie von gehört. :D

    Läuft gerade auf youtube bei mir. Nichts für meine abgehärteten Ohren, aber ich höre weiter.

    https://www.youtube.com/watch?v=hu6bI-lZPtU&list=PL021CE6087FAC268B

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    1. Aus irgendwelchen Gründen funktionieren zwei Links nicht mehr. Offenbar wurden die Videos kurzfristig gelöscht. Und darunter ausgerechnet "Ice" ... Es gibt noch live-Versionen bei Youtube, aber anscheinend keine Studioaufnahme.

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar