Sonntag, 22. Juni 2014

Verrückt nach Musik



Hat es sich bereits herumgesprochen? Ich bin ein Musikjunkie. Demnächst, wenn in Berlin die Sommerferien beginnen, werde ich wieder wie jedes Jahr bei dreißig Grad im Schatten mit dem Fahrrad bis nach Köpenick, Marzahn oder Hohenschönhausen rausfahren, um mir CDs aus den Bibliotheken zu leihen. Wobei mich das Radeln nicht nur mit Glückshormonen versorgt, sondern auch der Reduzierung meines Winterspecks gut tut. Falls du dich fragst, warum gerade zu Beginn der Sommerferien – weil dann die Urlaubssaison beginnt und die interessanten Sachen endlich mal nicht ständig ausgeliehen sind.

Jedenfalls, weil ich so ein Musiknarr bin, ist natürlich die Fete de la Musique zum Sommeranfang immer ein Höhepunkt des Jahres für mich. Schon Wochen vorher bereite ich mich darauf vor, indem ich das Programm studiere, sämtliche Bands, die mir interessant erscheinen, vorab bei Youtube anhöre und daraufhin entscheide, wen ich unbedingt live erleben möchte. Das meine ich mit „verrückt“.

Ich habe einen ziemlich breit gefächerten Musikgeschmack, ich höre alles mögliche, gern auch als Crossover, aber mein Herz gehört definitiv dem Progressive Rock (dem melodischen Teil, nicht dem experimentellen). An der Fete de la Musique interessiert mich natürlich vor allem, unbekannte Bands zu entdecken. Trotzdem musste ich diesmal unbedingt auf den Oranienplatz in Kreuzberg zu Element Of Crime. Ich mag die Band und ihre Musik. Sven Regener hat eine ganz eigene Art, Texte zu schreiben und darin die Poesie des Alltags auszudrücken, auf eine oft surreale Weise, die mir gut gefällt. Meine Lieblingszeile von ihm hat er gestern zu meiner Freude während der Zugabe gebracht: „Vom Schwimmbad kommen die, die nicht ertrunken sind ...“

Ich konnte einen guten Platz ergattern, so etwa siebte Reihe, schätze ich. Das lag daran, dass ich frühzeitig da war. Letztes oder vorletztes Jahr hat die Band schon mal bei der Fete de la Musique gespielt, auf dem Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg, und da war kein Rankommen. Auch diesmal strömten wieder die Massen, deshalb bin ich wohlweislich schon zur Gruppe davor hingegangen, ein Duo, um genau zu sein. Und habe es nicht bereut, denn Apples in Space haben mir ebenfalls gut gefallen mit ihren ruhigen, oft melancholischen Liedern.

Immer, wenn ich ein Konzert besuche, packt mich anschließend die Wehmut. Ich liebe meinen Beruf, er ist der schönste der Welt, und ich möchte nichts anderes sein als ein Geschichtenerzähler, aber manchmal wünsche ich mir doch, Rockmusiker zu sein. Nein, nicht wegen der Groupies, keine Unterstellungen bitte! Nicht einmal wegen der Energie, die man vom Publikum zurückbekommt. Sondern weil man auf eine viel elementarere Weise in seine Gefühle gehen und damit arbeiten kann.

Als ich vor etlichen Jahren anfing, öffentliche Lesungen zu halten, und noch auf der Suche nach meinem Stil war, habe ich mal bei einer Kurzgeschichte versucht, emotionaler als üblich zu lesen. Kollegen haben mir dann ziemlich deutlich die Rückmeldung gegeben, dass dabei die Grenze zur Peinlichkeit leicht überschritten wird.

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, woran es liegt, dass ein Sänger auf der Bühne schreien, schluchzen, Tränen vergießen kann, ohne dass es unangenehm wirkt, während ein Schriftsteller immer eine gewisse Distanz zu seinen Texten wahren muss. Sicher, die Größe des Publikums mag eine Rolle spielen, in der Anonymität der Menge trauen sich die Menschen eher, Gefühle zu zeigen, und gestehen es daher auch ihrem Stellvertreter da vorn eher zu. Aber daran allein kann es nicht liegen; auch vor einem vollen Saal würde ein Schriftsteller, der gleichermaßen aus sich herausgeht, unangenehm berühren. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die Gefühle, die der Sänger ausdrückt, eingebettet sind in Gefühle, die durch die Instrumente erzeugt werden. Ein Autor, der während einer Lesung seine Gefühle zur Schau stellt, ist gewissermaßen nackt.

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Gunnar